Gleiche VO2max, mehr als zehn Minuten Unterschied im Marathon: Wie kann das sein?

Nach einem langen Sommerlauf schauen zwei Läufer auf ihre Sportuhr. Beide sehen eine VO₂max von 52. Beide trainieren regelmäßig und bereiten sich auf denselben Herbstmarathon vor. Eigentlich müssten sie ähnlich schnell sein. Doch bei den letzten Wettkämpfen lag zwischen ihren Marathonzeiten mehr als zehn Minuten.

Solche Situationen sind viel häufiger, als viele Freizeitläufer glauben. Die VO₂max gehört zwar zu den wichtigsten Leistungswerten im Ausdauersport, doch sie erzählt längst nicht die ganze Geschichte. Gerade im Marathon entscheiden oft ganz andere Faktoren darüber, wer auf den letzten zehn Kilometern noch sauber läuft – und wer plötzlich deutlich an Tempo verliert.

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Zwei Läufer, gleiche VO₂max – völlig unterschiedliche Marathonleistung

Schon ein einfacher Vergleich zeigt, warum die VO₂max allein keine Zielzeit garantiert.

LäuferprofilVO₂maxLaufökonomieSchwelleMarathonpotenzial
Wiedereinstieg42durchschnittlichniedrigca. 4:45–5:15 h
Regelmäßiger Freizeitläufer48gutsolideca. 3:55–4:20 h
Ambitionierter Läufer54sehr guthochca. 3:10–3:30 h
Zwei Läufer mit VO₂max 54identischunterschiedlichunterschiedlichUnterschiede von über 10 Minuten möglich

Genau dieser letzte Fall sorgt häufig für Verwirrung. Viele verlassen sich auf den VO₂max-Wert ihrer Sportuhr und erwarten automatisch ähnliche Wettkampfleistungen. In der Praxis zeigt sich jedoch etwas anderes: Die maximale Sauerstoffaufnahme legt lediglich fest, welches aerobe Potenzial theoretisch vorhanden ist. Entscheidend ist, wie effizient dieses Potenzial während 42,195 Kilometern genutzt werden kann.

Die VO₂max ist der Motor – aber nicht das komplette Auto

Man kann sich die VO₂max wie die Motorleistung eines Fahrzeugs vorstellen. Ein starker Motor hilft, garantiert aber noch keine schnelle Rundenzeit.

Ebenso spielen beim Marathon zahlreiche weitere Eigenschaften eine Rolle:

  • Wie sparsam bewegst du dich?
  • Wie lange kannst du ein hohes Tempo halten?
  • Wie stabil bleibt deine Technik nach drei Stunden Belastung?
  • Wie gut versorgst du deinen Körper mit Energie?

Deshalb erleben viele Läufer jedes Jahr dieselbe Überraschung: Im Labor oder auf der Uhr wirken ihre Werte hervorragend. Im Rennen dagegen fehlt ihnen genau die Ausdauer, um dieses Potenzial bis ins Ziel umzusetzen.

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Laufökonomie: Der oft unterschätzte Unterschied

Unter Laufökonomie versteht man den Energieaufwand, den dein Körper für eine bestimmte Geschwindigkeit benötigt.

Zwei Läufer können exakt dieselbe VO₂max besitzen und dennoch unterschiedlich viel Sauerstoff verbrauchen, um beispielsweise 5:15 Minuten pro Kilometer zu laufen.

Der ökonomischere Läufer verschwendet weniger Energie. Seine Bewegungen wirken ruhig, kontrolliert und effizient. Kleine Unterschiede summieren sich über tausende Schritte.

Gerade auf den letzten Marathonkilometern wird dieser Vorteil deutlich sichtbar.

Ein Läufer beginnt zu „arbeiten“: Die Schultern werden hochgezogen, der Schritt verkürzt sich, der Oberkörper verliert Stabilität. Der andere läuft weiterhin locker und rhythmisch. Obwohl beide dieselbe physiologische Leistungsreserve besitzen, verbraucht einer deutlich mehr Energie.

Laufökonomie entsteht nicht zufällig.

Sie verbessert sich unter anderem durch:

  • regelmäßige Dauerläufe
  • längere ruhige Belastungen
  • Lauftechnik
  • Krafttraining
  • Mobilität
  • viele Jahre Lauferfahrung

Deshalb werden erfahrene Marathonläufer häufig immer effizienter, obwohl ihre VO₂max über die Jahre kaum noch steigt.

Die anaerobe Schwelle entscheidet über das Renntempo

Mindestens ebenso wichtig ist die sogenannte Laktatschwelle beziehungsweise anaerobe Schwelle.

Sie beschreibt, wie hoch der Anteil deiner maximalen Leistungsfähigkeit sein kann, den du über längere Zeit stabil halten kannst.

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Ein Beispiel:

  • Läufer A nutzt im Marathon etwa 78 % seiner VO₂max.
  • Läufer B hält dauerhaft 85 % seiner VO₂max.

Obwohl beide dieselbe maximale Sauerstoffaufnahme besitzen, läuft der zweite Athlet deutlich schneller.

Deshalb investieren erfahrene Trainer oft mehr Zeit in Schwellentraining als in die reine Verbesserung der VO₂max.

Ein höherer Schwellenwert bedeutet nämlich:

  • längeres konstantes Tempo,
  • geringere Ermüdung,
  • stabilere Herzfrequenz,
  • weniger Leistungseinbruch ab Kilometer 30.

Gerade Freizeitläufer profitieren davon häufig stärker als von zusätzlichen hochintensiven Intervallen.

Ausdauer zeigt sich erst nach zwei bis drei Stunden

Viele Trainingsformen verbessern die Fitness für 30 oder 60 Minuten.

Ein Marathon stellt den Körper jedoch vor eine völlig andere Aufgabe.

Erst nach rund zwei Stunden beginnt der eigentliche Belastungstest. Die Glykogenspeicher leeren sich zunehmend, die Muskulatur ermüdet und selbst kleine technische Fehler kosten plötzlich deutlich mehr Kraft.

Hier trennt sich oft das Feld.

Läufer mit einer guten aeroben Basis können ihr Tempo erstaunlich konstant halten. Andere verlieren Kilometer für Kilometer einige Sekunden, obwohl ihre VO₂max auf dem Papier identisch aussieht.

Laufen Diese Tabelle zeigt, warum gleichaltrige Läufer im Marathon 15 Minuten auseinanderliegen können

Genau deshalb gehören lange, ruhige Läufe weiterhin zu den wichtigsten Einheiten jeder Marathonvorbereitung. Sie verbessern nicht nur Herz und Lunge, sondern auch die muskuläre Ermüdungsresistenz und den Fettstoffwechsel – zwei Eigenschaften, die keine Sportuhr direkt als VO₂max anzeigt.

Erfahrung verändert den Marathon stärker als viele denken

Wer schon mehrere Marathons gelaufen ist, kennt typische Warnsignale deutlich besser. Das beginnt bei der Renneinteilung und reicht bis zur Ernährung unterwegs.

Viele Einsteiger starten mit einem Tempo, das sich bis Kilometer 15 angenehm anfühlt. Erst später zeigt sich, dass sie ihre Reserven zu früh verbraucht haben. Erfahrene Läufer dagegen akzeptieren bewusst ein etwas kontrollierteres Anfangstempo. Dadurch verlieren sie auf den ersten Kilometern vielleicht wenige Sekunden, gewinnen aber auf den letzten zehn oft mehrere Minuten zurück.

Deshalb können zwei Athleten mit identischer VO₂max völlig unterschiedlich abschneiden. Der eine läuft einen gleichmäßigen Marathon, der andere erlebt den klassischen Leistungseinbruch ab Kilometer 30.

Ernährung und Flüssigkeit entscheiden ebenfalls über die Endzeit

Auch die beste Ausdauer nützt wenig, wenn die Energieversorgung nicht stimmt.

Wer während des Marathons zu wenig Kohlenhydrate oder Flüssigkeit aufnimmt, riskiert sinkende Leistungsfähigkeit, Konzentrationsprobleme und eine deutlich schlechtere Laufökonomie. Die Muskulatur arbeitet weniger effizient, die Schrittfrequenz verändert sich und jeder Kilometer kostet mehr Kraft.

Besonders im August und während der Vorbereitung auf die großen Herbstmarathons spielt auch die Temperatur eine wichtige Rolle. Selbst gut trainierte Läufer merken an warmen Tagen, dass die Herzfrequenz früher ansteigt und das geplante Tempo schwerer fällt. Wer sein Training flexibel anpasst und ausreichend trinkt, profitiert langfristig oft mehr als jemand, der stur jede Pace halten möchte.

Kleine Unterschiede summieren sich über 42 Kilometer

Im Marathon entscheidet selten ein einzelner Faktor. Viel häufiger entsteht der Zeitunterschied durch viele kleine Vorteile, die sich über mehrere Stunden addieren.

Ein Läufer…

  • läuft etwas ökonomischer,
  • hält seine Schwelle länger,
  • nimmt regelmäßig Energie auf,
  • bleibt technisch sauber,
  • dosiert sein Tempo klug,
  • erholt sich zwischen den Trainingseinheiten besser.

Jeder dieser Punkte spart vielleicht nur wenige Sekunden pro Kilometer. Über 42,195 Kilometer können daraus jedoch mehr als zehn Minuten werden – obwohl die VO₂max identisch ist.

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Was solltest du trainieren, wenn deine VO₂max bereits gut ist?

Viele Freizeitläufer konzentrieren sich fast ausschließlich auf intensive Intervalle, weil sie hoffen, ihre VO₂max weiter zu steigern. Nach einigen Trainingsjahren wird dieser Wert jedoch oft nur noch langsam besser.

Deutlich größer ist häufig das Potenzial in anderen Bereichen.

Ein ausgewogenes Marathontraining sollte deshalb regelmäßig enthalten:

  • ruhige Dauerläufe zur Verbesserung der Grundlagenausdauer,
  • längere Läufe für die Ermüdungsresistenz,
  • Schwellentraining zur Stabilisierung des Wettkampftempos,
  • Kraft- und Stabilisationsübungen für eine bessere Laufökonomie,
  • ausreichende Regeneration und guten Schlaf.

Gerade diese Kombination sorgt dafür, dass vorhandene Leistungsreserven im Wettkampf tatsächlich genutzt werden können.

Die Sportuhr zeigt nicht alles

Moderne Laufuhren liefern heute beeindruckend viele Daten: VO₂max, Trainingsbelastung, Erholungszeit oder Herzfrequenzvariabilität. Diese Werte sind hilfreich, sollten aber immer im Gesamtzusammenhang betrachtet werden.

Wenn sich deine VO₂max seit Monaten kaum verändert, deine Wettkampfzeiten aber besser werden, ist das keineswegs ungewöhnlich. Wahrscheinlich bist du effizienter geworden, hältst dein Tempo länger durch oder hast deine Renneinteilung verbessert.

Genau diese Entwicklungen spiegeln sich häufig erst im Wettkampfergebnis wider – nicht unbedingt auf dem Display der Uhr.

Fazit: Die VO₂max öffnet die Tür – ins Ziel bringen dich viele weitere Fähigkeiten

Die VO₂max bleibt ein wichtiger Leistungsindikator. Sie beschreibt das aerobe Potenzial eines Läufers und liefert wertvolle Hinweise für das Training.

Im Marathon entscheidet jedoch nicht allein die Größe des Motors, sondern vor allem, wie wirtschaftlich, ausdauernd und konstant dieser Motor über mehrere Stunden arbeitet.

Laufökonomie, anaerobe Schwelle, muskuläre Ausdauer, Pacing, Ernährung und Regeneration ergänzen sich wie Zahnräder. Erst ihr Zusammenspiel macht aus einer guten Fitness eine starke Marathonleistung.

Laufen Sollte man ab 45 wirklich noch fast alle Läufe im gleichen Tempo absolvieren?

Wenn du dich deshalb nicht ausschließlich auf deine VO₂max konzentrierst, sondern dein Training vielseitig gestaltest, wirst du langfristig oft größere Fortschritte erzielen, als es jede einzelne Kennzahl erwarten lässt.

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